Win­ter­gäs­te

Sybil Volks

Win­ter­gäs­te

Roman, dtv pre­mi­um 2015, Klap­pen­bro­schur, 416 Sei­ten, 14,90 €, ISBN 978–3‑423–26080‑0 sowie als Taschen­buch, dtv 2017, 10,95 €, ISBN 978–3‑423–21699‑9 und Groß­druck, dtv 2019, 528 Sei­ten, 12,95 €, ISBN 978–3‑423–25415‑1

Wie viel Nähe ver­trägt eine Fami­lie?

Die Nach­richt von Inge Boy­sens Tod war ein Fehl­alarm. Doch da haben sich Kin­der und Kin­des­kin­der bereits in dem klei­nen Haus hin­ter dem Deich ver­sam­melt. Kurz vor dem Jah­res­wech­sel schnei­det ein Schnee­sturm Haus Tide und sei­ne Bewoh­ner von der Außen­welt ab. Wäh­rend drau­ßen die Welt ver­eist, kochen im Innern alte Feind­se­lig­kei­ten und neue Sehn­süch­te hoch.

Drei Gene­ra­tio­nen in einem ein­ge­schnei­ten Insel­haus – in weni­gen Tagen ent­fal­tet sich zwi­schen ihnen das Leben in sei­ner gan­zen Tra­gik, Komik und Magie.

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Inter­view mit Chris­tia­ne Schweit­zer, dtv

Ihr Roman ›Tor­stra­ße 1‹ von 2012 spielt im Her­zen Ber­lins und Sie selbst leben auch dort. Was hat Sie in ›Win­ter­gäs­te‹ auf eine win­di­ge Insel in der Nord­see geführt?
Dar­an ist eine Art früh­kind­li­cher Prä­gung schuld. Es gibt doch die berühm­ten Lorenz’schen Gäns­chen, die ver­liebt den Gum­mi­stie­feln des Natur­for­schers folg­ten, weil die­se das Ers­te waren, wor­auf ihr Blick aus der Eier­scha­le fiel. Mei­ne »Gum­mi­stie­fel« waren Som­mer­ta­ge auf Nord­see­inseln und der ers­te Anblick von end­lo­sem Was­ser und Sand.

›Win­ter­gäs­te‹ haben Sie u. a. auf Sylt geschrie­ben. Hat­ten Sie ein rea­les Vor­bild für die Insel oder das Insel­haus?
Auf Sylt hat­te ich ein Schreibsti­pen­di­um, aber mei­ne Roman­in­sel ist eine fik­ti­ve Mischung aus rea­len Nord­see­inseln. Sie heißt ein­fach »die Insel« und jede/r kann sich beim Lesen eine eige­ne aus­ma­len. Auch »Haus Tide« ist erfun­den, jedoch ein tra­di­tio­nel­les Insel­frie­sen­haus, etwa mit der Stän­der­kon­struk­ti­on, die das Dach­ge­schoss bei einer Sturm­flut auf­recht­hält. Alko­ven, Bileg­ger usw. habe ich in Büchern und erhal­te­nen alten Insel­häu­sern gese­hen.

Her­aus­ge­kom­men ist dabei ein über 400 Sei­ten lan­ger Roman. Wie lan­ge haben Sie dar­an gear­bei­tet?
Ins­ge­samt habe ich über drei Jah­re an ›Win­ter­gäs­te‹ geschrie­ben. Die Idee zur Geschich­te wur­de noch ein Jahr frü­her gebo­ren und tat­säch­lich – ich hat­te das bis­lang für einen Mythos gehal­ten – im Schlaf. Ich wach­te auf, schrieb die ers­te Sei­te und wuss­te, das wird mein nächs­ter Roman. Im Anschluss wur­de ein Jahr bebrü­tet. Geschrie­ben hat er sich dann aber lei­der nicht im Schlaf.

In ›Win­ter­gäs­te‹ tref­fen sich drei Gene­ra­tio­nen zwi­schen den Jah­ren in einem Haus auf einer Nord­see­insel und wer­den durch Schnee und Eis von der Außen­welt abge­schnit­ten. Die Sze­ne­rie hat fast etwas Kam­mer­spiel­ar­ti­ges – wie sind Sie dar­auf gekom­men?
Ich lie­be sol­che Kam­mer­spie­le wegen ihrer Kon­zen­tra­ti­on. Man braucht inter­es­san­te Figu­ren (Zuta­ten), eine attrak­ti­ve Sze­ne­rie (Koch­topf), Deckel drauf und bro­deln las­sen. Nicht ohne Grund ist das Ein­ge­schlos­sen­sein im Haus, im Eis, auf der Insel eine immer aufs Neue fas­zi­nie­ren­de Ver­suchs­an­ord­nung: Was bringt sie in den Ein­zel­nen zum Vor­schein an Gutem und Bösem? Was steckt unter ihrer Scha­le im Kern der Men­schen? Wie reagie­ren sie mit­ein­an­der?

Im Zen­trum steht dar­in eine Groß­fa­mi­lie mit allen ihren Geheim­nis­sen, Kon­flik­ten und Sehn­süch­ten. Wie sind Sie selbst auf­ge­wach­sen – auch in einer Groß­fa­mi­lie?
Im Gegen­teil, mei­ne Fami­lie ist aus­ge­spro­chen über­sicht­lich. Mei­ne Frau stammt jedoch aus einer gro­ßen Fami­lie, daher habe ich eine gewis­se Vor­stel­lung von der Dyna­mik des Groß­fa­mi­li­en­le­bens. Aber wie schon in mei­nen vor­he­ri­gen Roma­nen sind die Figu­ren alle­samt erfun­den – das ist ja der Haupt­spaß am Schrei­ben, wie ich fin­de.

›Win­ter­gäs­te‹ kann man im Som­mer wie auch im Win­ter lesen. Schnee und Eis sind so leben­dig beschrie­ben, dass man die Käl­te selbst beim Lesen im Som­mer regel­recht spü­ren kann! In wel­chen Jah­res­zei­ten haben Sie das Buch geschrie­ben?
Zu allen Zei­ten, auch im Juli bei 30 Grad im Zim­mer. Das ist das Wun­der­ba­re am Schrei­ben und Lesen, das man sich alles Mög­li­che vor­stel­len kann. Es kommt z. B. auch Val­pa­raí­so in Chi­le vor, in die­se Stadt habe ich mich ver­liebt, wäh­rend ich mit Boy Boy­sen durch ihre Gas­sen streif­te. Es fühlt sich seit­dem an, als wäre ich dort gewe­sen. Spart eine Men­ge Geld, wenn man es recht über­legt …

Im Buch kom­men vie­le Lie­der vor und am Ende des Buches gibt es eine Play­list. Wel­che Rol­le spielt Musik für Sie beim Schrei­ben?
Obwohl ich gar nicht soo viel Musik höre, erklin­gen immer wie­der Songs beim Schrei­ben. Es kann ein pas­sen­der Text sein, ein Sound, der auf einer ande­ren Ebe­ne die Stim­mung einer bestimm­ten Sze­ne ein­fängt, zu einer Figur passt.

Wie wird es wei­ter­ge­hen mit Fami­lie Boy­sen und dem Insel­haus?
Wie Sie sag­ten, ›Win­ter­gäs­te‹ ist 400 Sei­ten lang gewor­den, viel län­ger als geplant. Aber die Boy­sens woll­ten ein­fach noch kei­ne Ruhe geben. Ich muss­te ver­spre­chen, einen wei­te­ren Roman mit ihnen zu schrei­ben. Man­che wer­den Haus Tide ver­las­sen, ande­re zurück­keh­ren oder neu dazu­kom­men. Dies­mal wer­den sie ein paar Som­mer­ta­ge lang Zeit haben, sich aufs Neue in aller­lei Ver­wick­lun­gen, Kon­flik­te und Geheim­nis­se zu stür­zen und das Insel­haus mit Leben zu erfül­len.

“In ihrem Roman „Win­ter­gäs­te“ hat die Autorin Sybil Volks das The­ma Fami­lie auf sub­ti­le Wei­se und erzäh­le­risch bril­lant umge­setzt. Wie im wirk­li­chen Leben folgt dem Trau­ri­gen oft bald das­Ko­mi­sche, der Lan­ge­wei­le das Aben­teu­er und der Sicher­heit Momen­te des Unge­wis­sen. Sehr unter­halt­sam!“
Ingrid Mos­blech-Kalt­was­ser,der-kultur-blog.de, 23.09.2015

“Tra­gik, Komik und vie­le magi­sche Momen­te wech­seln sich in „Win­ter­gäs­te“ mit­ein­an­der ab und machen die­sen Roman zu einem außer­ge­wöhn­li­chen und unver­gess­li­chen Lese­ver­gnü­gen.“
Ste­fa­nie Ruf­le,booksection.de

“Tol­le Geschich­te von der Nord­see mit einem über­ra­schen­den Fami­li­en­be­such. (…) Die Cha­rak­te­re wer­den sehr gut beschrie­ben und man fühlt sich beim Lesen, als sei man mit­ten in der Geschich­te dabei.“
Andre­as Sau­er,fachbuchkritik.de, 1.9.2015

“Scharf beob­ach­tend beschreibt die Autorin all­täg­li­che (zwischen-)menschliche Gedan­ken, Vor­ha­ben oder lägst geplan­te Taten in einer Art Kam­mer­spiel (…). Ein Buch, das Zeit und Muße zum Lesen ver­langt; das ohne dra­ma­ti­sche Span­nung aus­kommt und den Leser den­noch mit jeder Sei­te in sei­nen Bann zieht.“
JU, Wil­helms­ha­ve­ner Zei­tung, 2.10.2015